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02.06.2006 | Nationaler Bildungsbericht ist eine wichtige Grundlage für eine zukünftige gemeinsame Bildungspolitik

Pressemitteilungen

Zum heute vorgelegten ersten gemeinsamen Bericht „Bildung in Deutschland“ von Bund und Ländern erklären der zuständige Berichterstatter, Dr. Ernst-Dieter Rossmann, MdB, und der bildungs- und forschungspolitische Sprecher der Fraktion der SPD im Deutschen Bundestag, Jörg Tauss, MdB:

Die SPD-Bundestagsfraktion begrüßt die Vorlage des ersten gemeinsamen Berichts „Bildung in Deutschland“ von Bund und Ländern ausdrücklich. Der Bericht ist eine wichtige Grundlage für eine zukunftsfähige Bildungspolitik in Deutschland, die auch im Deutschen Bundestag ausführlich beraten werden wird. Dabei zeigen die Ergebnisse zusammengefasst eine erfreulich hohe Bildungsbeteiligung von der frühkindlichen Bildung bis zur Hochschule und eine insgesamt durchaus positive Leistungsfähigkeit unseres Bildungssystems. Festzustellen ist nach wie vor die erfolgreiche berufsvermittelnde Qualifizierung an den Hochschulen sowie die stark zunehmende Zahl von Ganztagsschulen zur Verbesserung der Lehr- und Lernsituation bereits am Anfang der Schulbiographie.

Allerdings weisen die Bildungsbiographien weiterhin vor allem drei Problempunkte auf: nach wie vor entscheidet der Übergang zu den weiterführenden Schulen bereits frühzeitig über Bildungschancen insgesamt. Weiterhin ist der Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund deutlich geringer und weiterhin gelingt es nicht, nach einem Schulabschluss einen schnellen und hinreichenden Anschluss an eine qualifizierende Berufsausbildung zu gewährleisten.

Erstens sind beim Übergang zur Sekundarstufe I Kinder aus unteren sozialen Schichten weiterhin benachteiligt. Wenn man die weitreichende Vorprägung der Bildungskarriere durch diese frühe Selektion bedenkt, ist dies ein ernstes Problem für alle, die das Ziel der Chancengleichheit in der Bildung nicht aufgeben wollen. Für Kinder und Jugendliche aus dieser Gruppe ist zudem die Durchlässigkeit in der Sekundarstufe I dann vor allem nach unten gegeben, eine Aufstiegsmobilität ist hier kaum feststellbar. Die frühe Selektion bei geringer späterer Durchlässigkeit bleibt ein ungelöstes Problem des deutschen Bildungssystems, an dem wir gemeinsam arbeiten müssen.

Auch der vom Bericht zurecht gewählte Schwerpunkt „Bildung und Migration“ zeigt zweitens, dass hier noch große Aufgaben zu bewältigen sind. Die Umstellung von einem aussagearmen Ausländerkonzept auf ein Migrationskonzept ist dabei sehr zu begrüßen. Die Ergebnisse weisen aber auf die weiterhin bestehenden Probleme hin: Kinder mit Migrationshintergrund werden nur halb so oft vorzeitig, aber doppelt so oft verspätet eingeschult, sie sind weiterhin überproportional an Hauptschulen und unterproportional an Schulen mit Mittlerem oder Gymnasialabschluss vertreten. Von Chancengleichheit kann bei dieser Gruppe daher keine Rede sein. Deutschland gelingt es bei dieser Gruppe im internationalen Vergleich am wenigsten, den Bildungserfolg von der sozialen Herkunft abzukoppeln. Es bleibt wichtig, dass gemeinsame Förderprogramme von Bund und Ländern in diesem Bereich gesichert sind und weiterhin möglich bleiben. Dieser zentrale Aspekt darf in der Integrationsdebatte nicht vernachlässigt werden.

Drittens werden derzeit ca. 40 Prozent der Jugendlichen, die nach einem allgemeinbildenden Schulabschluss eigentlich eine Berufsausbildung aufnehmen wollen, in berufsvorbereitende Warteschleifen geschickt. Diese Quote ist für die individuellen Lebenschancen der Betroffenen wie auch angesichts des stetig wachsenden Fachkräftebedarfs der Wirtschaft unakzeptabel hoch. Die Weiterentwicklung des Ausbildungspaktes ist daher unumgänglich und darf nicht länger auf die lange Bank geschoben werden.

Ebenfalls negativ fällt in diesem Zusammenhang die geringe und zudem rückläufige Weiterbildungsbeteiligung in Deutschland auf. Eine sinkende Beteiligung ist angesichts des demographischen Wandels, der – infolge stetig wechselnder Anforderungen einer wissensbasierten Wirtschaft – dynamisierten Arbeits- und Qualifikationsbiographien und eines würdigen, selbstbestimmten und auch produktiven Lebens im Alter nicht hinnehmbar. Deshalb wird die SPD-Bundestagsfraktion die Weiterentwicklung der Fort- und Weiterbildung zur 4. Säule des Bildungssystems vorantrieben und zu einem Schwerpunkt ihrer Arbeit in dieser Legislaturperiode machen.

Als insgesamt leistungsfähig und erfolgreich kann das deutsche Hochschulsystem bezeichnet werden. Erfreulich ist nicht nur die offenkundig weiterhin hohe Arbeitsmarktfähigkeit der Absolventinnen und Absolventen, auch die steigende Anteil von Frauen gerade im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich ist zu begrüßen. Bedenkt man die steigenden Studierendenzahlen sowie die zahlreichen Umbruchsprozesse, die die Fachhochschulen und Universitäten in den vergangenen Jahren zu bewältigen hatten und noch haben – Stichwort Bologna-Prozess, Exzellenzinitiative, grenzüberschreitender Wettbewerb und Mobilität usw. –, ist dies ein kaum zu überschätzender Erfolg unseres Hochschulsystems und letztlich der mühevollen Arbeit der Hochschulen selbst zu verdanken. Aber die Herausforderung der erfreulicherweise steigenden Studierendenzahlen ist keinesfalls bewältigt. Die SPD-Bundestagsfraktion wird im Rahmen der Beratungen eines Hochschulpaktes 2020 darauf achten, dass der Auf- und Ausbau von Studienkapazitäten gesichert – und auch belohnt – wird.

Positiv bleibt unterm Strich, dass nach langem hin und her – und großen Widerständen vor allem der unionsgeführten Länder – Bund und Länder sich zu einer gemeinsamen, kontinuierlichen Bestandaufnahme des deutschen Bildungssystems durchgerungen haben. Diese ist dringend notwendig, um eine gemeinsame Grundlage für die Verbesserung der Leistungsfähigkeit unseres Bildungswesens, der Sicherung von individuellen Lebensperspektiven und zur Sicherung der nachhaltigen Innovationsfähigkeit von Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft zu schaffen. Eine nationale Bildungsberichterstattung erleichtert zudem den zur realistischen Selbsteinschätzung dringend notwendigen internationalen Vergleich im Bildungswesen. Nur so sind folgenreiche Defizite frühzeitig erkennbar wie auch besondere Vorteile unseres Systems deutlicher sichtbar.

Für die SPD-Bundestagsfraktion ist es selbstverständlich, dass die Ergebnisse des ersten nationalen Bildungsberichts im Deutschen Bundestag und den Fachausschüssen ausführlich beraten werden.